Was mache ich wirklich?

Eine Zwischenbilanz

Seit dem 3.12.2020 führe ich eine Statistik, in der ich auswerte welche invasiven Maßnahmen ich am Patienten anwende und wie oft. Diese Statistik ist auf ein Jahr ausgelegt. Nach 6 Monaten ist quasi Halbzeit. Was habe ich bis heute getan, wie oft, wieviele Einsätze gesamt und wie bewerte ich das alles ?

Zu erst ein paar Worte zu den Rahmenbedingungen.

Ich bin sicherlich kein Rettungsrambo aber auch nicht zimperlich wenn es um (notwendige) Maßnahmen geht. Ein Patient wird von mir behandelt, so wie ich den Sinn in meiner Tätigkeit sehe. Das geschieht nach einer objektiven Einschätzung und subjektive Aspekte der Lage vor Ort und des gesundheitlichen Zustands des Patienten. Ich berufen mich dann auf örtliche Standardarbeitsanweisungen, Standard Operating Procedure, anerkannte Algorithmen, Fachwissen und zuletzt aber auch auf eine gewisse Erfahrung und auch Bauchgefühl. Kurz und knapp: benötigt der Patient eine (invasive) Maßnahme oder Behandlung dann bekommt er diese. Benötigt der Patient diese nicht, werde ich auch aus Spaß an der Freude nicht tätig (nein, der Patient bekommt keinen Zugang nur um zu zeigen, dass ich eine Viggo legen kann). Was soll das ganze Gequatsche jetzt ?

Wie ein Notfallsanitäter handelt ist zu einem Großteil davon geprägt wie dieser die Situation bzw. den gesundheitlichen Zustand einschätzt. Einen Patienten den ich als kritisch oder potenziell kritisch ansehe ist für einen anderen Notfallsanitäter vielleicht schon wieder nicht so kritisch. Dies bewertet abseits von Normwerten, Erfahrungen und Algorithmen jeder anders. In Situationen in denen eine große Kluft entsteht (was die Beurteilung des Patienten betrifft) ist eine gute Kommunikation der Schlüssel um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und alle an der Behandlung beteiligten auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen.

In die Versorgung des Patienten spielen auch weitere Faktoren eine wichtige Rolle! Wie weit ist das nächste NEF entfernt? Ist dieses NEF alarmiert oder muss ich dieses nachfordern? Wie ist die örtliche Struktur? Ist die Einsatzstelle hinterm Mond gleich Links? Wie weit ist das geeignete Krankenhaus entfernt? In einer ländlichen Gegend in dem das nächste NEF und das nächste Krankenhaus weit entfernt sind ist man vielleicht eher in der Situation tätig zu werden als in einer Großstadt. Wobei in der Großstadt vielleicht so viel los ist, dass alle verfügbaren NEF bereits in einem anderen Einsatz gebunden sind.

Man sieht, es ist immer eine individuelle Einzelentscheidung die jeder objektiv aber auch subjektiv selbst entscheidet.

Invasive Maßnahmen definiere ich hier unter i.v. Zugang, i.o. Zugang, intramuskuläre Injektion, Endotracheale Intubation, das Legen von Atemwegshilfen ( iGel, Larynxtubus), Thoraxpunktion und die Gabe von Medikamente. Weiterhin auch die Nutzung von Guedel- und Wendeltuben.

Die Statistik. Zahlen aus einem halben Jahr.

In meiner Statistik habe ich folgende Einzelheiten mit aufgenommen:

  • Welche Maßnahme?
  • Medikament gegeben ?
  • Maßnahme erfolgreich?
  • Auf welchem Rettungsmittel eingesetzt (RTW oder NEF)
  • Summe der Einsätze auf RTW und NEF
  • Gesamteinsatzzahl
Einsätze und Verteilung auf den jeweiligen Rettungsmittel im Zeitraum vom 3.12.2020 bis 3.6.2021

Die Maßnahmen der letzten 6 Monate im einzelnen:

Maßnahmen im Zeitraum vom 3.12.2020 bis 3.6.2021

Für mich war das Zwischenergebnis absehbar und dennoch bin ich frustriert. Wenn man sich die Diskussionen der letzten Jahre, Rund um die Kompetenzen des Notfallsanitäters, vor Augen führt ist das für mich kritisch zu hinterfragen. In wie weit kann ich nach meiner Ausbildung zum Notsan (bei mir auch „nur“ eine Ergänzungsprüfung) garantieren, Maßnahmen zu beherrschen? Wenn ich mir die Zahlen ansehe kann ich lediglich das Legen von I.V. Zugänge halbwegs beherrschen. Alles andere findet in meinem beruflichen Alltag wenig eigenständig statt.
Alle Maßnahmen die beschrieben wurden wurden in Abwesenheit eines (Not-)Arztes durchgeführt. Das bedeutet, dass entweder ein Notarzt bereits mit alarmiert wurde, dieser nachgefordert wurde oder ich mich dafür entschied, den Patienten ohne Notarzt zu behandeln und einer klinischen Versorgung zuzuführen. Dabei möchte ich jetzt auch nicht auf Definitionen wie Delegation, Freigaben oder sonstiges herumreiten.

Jetzt stellt sich für mich die Frage, wie kann ich es in Zukunft gewährleisten, meine praktischen Skills aufrecht zu halten, diese zu trainieren, zu verbessern und in Abwesenheit des täglichen Gebrauchs mein theoretisches Wissen nicht zu verlieren, denn:

bis auf einen i.v. Zugang legen und Vollelektrolytlösungen zu verabreichen mache ich eigentlich fast nichts eigenverantwortlich.

Patrick Krieger

Sicherlich ist meine Statistik nicht übertragbar auf alle Notfallsanitäter und nicht representativ. Ich behaupte jedoch, dass es bei den meisten Notfallsanitäter nicht groß anders aussieht.

Da ich ab dem 1.7.21 den Arbeitgeber wechsle und in einem anderen Rettungsdienstbereich tätig bin, bin ich gespannt ob und wie sich mein Arbeiten verändern wird.

Anmerkung: eine O2 Gabe fand eigenständig nicht statt.

Veröffentlicht von Patrick

Patrick ist in den Mittdreißigern und lebt in Bochum. Verheiratet, (noch) keine Kinder aber eine süße Hundedame. Jede Menge Liebe und Leidenschaft für CRM/TRM, Rettungsdienst und Notfallmedizin und natürlich hochmotiviert in Sachen Ausbildung.

Ein Kommentar zu “Was mache ich wirklich?

  1. Es ist doch bemerkenswert, wie groß die Unterschiede in den einzelnen Rettungsdienstbereichen zu sein scheinen bzw. wie groß diese auch tatsächlich sind!. Ich muss vorwegnehmen, dass ich persönlich KEIN Notfallsanitäter bin und mich auch nicht in der Ausbildung befinde, ich bin „lediglich“ ein interessierter Rettungssanitäter, der sich privat viel in präklinischer Notfallmedizin fortbildet. Jedoch möchte ich meine Erfahrungen aus meiner Zeit an der Lehrrettungswache und später berichten: 1.) Wenn man aus meinem Bereich kommt, dann ist man doch ehrlich gesagt „geschockt“ wenn man ließt, dass ein NotSan anderswo nur 17 peripher- venöse Zugänge in sechs Monaten gelegt hat, in meiner Zeit an der LRW, haben NotSan und auch RettAss bestimmt durchschnittlich drei Zugänge pro Dienst gelegt!, jetzt rechne man dass auf ein halbes Jahr hoch. Obstruktive Atemwegzustände, wurden eigentlich immer OHNE Notarzt abgearbeitet, Beta2- Sympathomimetika und Ipratropiumbromid durch NotSan und ebenfalls durch RettAss, sind hier absoluter „Standard“. Bei jeder Hypoglykämie bekam der Patient Glucose 40% durch den NotSan oder RettAss und jeder Patient mit starker Übelkeit, bekam Dimenhydrinat. Butylscooamin bei abdominellen Koliken, gaben ebenfalls NotSan UND RettAss. Die Unterschiede scheinen also gravierend zu sein und ich möchte nicht „unhöflich“ sein aber dadurch, dass man die Sache mit den Kompetenzen hier ein wenig „lockerer“ betrachtet, würde ich fast mal behaupten, dass hier selbst ein RettSan, der in Vollzeit tätig ist, auf 17 i.v. Zugänge in einem halben Jahr kommt. Ob eine Maßnahme also im Sinne des Kompetenzerhaltes auch längere Zeit nach der Ausbildung noch „beherrscht“ wird, dass scheint mir also sehr, sehr stark vom jeweiligen RD- Bereich abhängig zu sein!. Mfg

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