Was mache ich wirklich? Ein Jahr und ein ernüchterndes Ergebnis!

Was am Ende bleibt

Am 3.12.2020 startete ich mit meiner eigenen kleine Statistik. Was mache ich am Patienten wirklich? Ich wollte herausfinden, welche Maßnahmen ergreife ich am Patienten, in Abwesenheit eines (Not-)Arztes/Ärztin. Dabei liegt der Fokus nicht auf Vorgaben Seitens ÄLRD oder den SAA und BPR. Also auch Abseits von der 1c/2c Definition. Es geht schlicht nur um das selbstständige Arbeiten an Patienten und Patientinnen in Abwesenheit eines/einer (Not-)Arzt/Ärztin. Der §2a NotSanG liefert eine Formulierung die dabei natürlich höchst interessant ist:

Gesetz über den Beruf der Notfallsanitäterin und des Notfallsanitäters* (Notfallsanitätergesetz – NotSanG)
§ 2a Eigenverantwortliche Durchführung heilkundlicher Maßnahmen durch Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter

bis zum Eintreffen der Notärztin oder des Notarztes oder bis zum Beginn einer weiteren ärztlichen, auch teleärztlichen, Versorgung dürfen Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter heilkundliche Maßnahmen, einschließlich heilkundlicher Maßnahmen invasiver Art, dann eigenverantwortlich durchführen, wenn

  1. sie diese Maßnahmen in ihrer Ausbildung erlernt haben und beherrschen und
  2. die Maßnahmen jeweils erforderlich sind, um Lebensgefahr oder wesentliche Folgeschäden von der Patientin oder dem Patienten abzuwenden.

Mit dem Erhalt einer Notfallsanitäterurkunde garantieren wir also einen gewissen und definierten Standard gelernt zu haben und diesen auch zu beherrschen. Aber was bedeutet beherrschen eigentlich? Schauen wir uns doch mal die Definition des Bundesverband Ärztlicher Leiter Rettungsdienst e.V. an:

Unter „beherrschen“ ist im medizinischen Bereich die Kompetenzstufe für eine Maßnahme zu verstehen, in der der Anwender alle zu berücksichtigenden Sachverhalte überblickt und auch für Komplikationen über eine Bewältigungsstrategie verfügt.

Abstimmungs- und Erörterungsprozess (Pyramidenprozess) „invasive Maßnahmen für Notfall-sanitäterinnen und -sanitäter“ – Bericht zu den bisherigen Sitzungen bis einschließlich 06.2.2014 Bundesverband der Ärztlichen Leiter Rettungsdienst e.V..

Im weiteren Text wird dies Anhand des Beispiels endotracheale Intubation vertieft. Es benötige über 100 endotracheale Intubationen, bis man die Kompetenzstufe „beherrschen“ erlangen würde.

Beachten wir also diese Definition kann man im Rettungsdienst nicht von einem Beherrschen sprechen. Weder in der 3 jährigen Vollzeitausbildung zum Notfallsanitäter, noch in den Ergänzungslehrgängen oder gar im Arbeitsleben eines Notfallsanitäters erreicht man diesen Erfahrungsschatz. Auch dazu findet man eine Stellungnahme des Bundesverbandes Ärztlicher Leiter Rettungsdienst e.V.:

„Das bedeutet letztlich, dass auch Maßnahmen erlernt und geübt werden müssen, die streng genommen nicht bis zum Kompetenzlevel „beherrschen“ erlernt werden können, so wie es der wörtliche Gesetzestext vorsieht (Wortlaut in § 4 Abs. 2 Nr. 1 c). Die Anwendung dieser Maßnahmen in der konkreten Situation entspricht demnach mehr einem „Rettungsversuch“ und nicht einer Anwendung, bei der es eine geübte tägliche Praxisroutine gibt.“

Die Formulierung des Rettungsversuchs trifft es dabei doch ganz gut. Was man dabei auch beachten muss ist, dass man zu den Maßnahmen die man ausübt auch auf möglichen Nebenwirkungen und Komplikationen reagieren und einen Plan B haben muss.

Im Vergleich zur Zwischenbilanz, Mitte des Jahres, haben sich keine großen Überraschungen ergeben.

Ein Wort zu den Rahmenbedingungen der Statistik

  • Auf welchem Rettungsmittel eingesetzt (RTW oder NEF)
  • Summe der Einsätze auf RTW und NEF
  • Gesamteinsatzzahl
  • Welche Maßnahme?
  • Medikament gegeben ?
  • Maßnahme erfolgreich?
  • Ich arbeite in einem ländlichen Kreis mit Kleinstadtanteil in einer 100% Stelle.

Ab Mitte des Jahres wechselte ich den Arbeitgeber, daher bin ich ab der zweiten Hälfte der Statistik bzw. des Jahres nur auf dem RTW eingesetzt. So ergibt sich folgende Verteilung der Rettungsmittel und der Gesamteinsatzzahl:

Nun zum Interessanten Teil. Was habe ich ein Jahr lang wirklich gemacht?

Ich möchte hierbei nochmals erwähnen, dass dies die Maßnahmen sind, die ohne anwesenden Notarzt oder Notärztin ergriffen wurden. Nicht beschrieben sind Maßnahmen in Anwesenheit eines NA oder NÄ.

Von 34 i.v. Zugängen waren 5 frustran. Der supraglottische Atemweg via I-Gel war insuffizient und wurde im Verlauf durch eine Beutel-Maske-Beatmung und endotrachealer Intubation ersetzt.

Welche Faktoren spielen eine Rolle, ob und welche Maßnahmen ergriffen werden?

Im Verlauf der Statistik ergeben sich natürlich Fragen, welche Einflüsse eine Rolle spielen. Für mich ergaben sich folgende:

  • Ist das NEF zeitgleich vor Ort und der/die Notarzt/Notärztin ergreifen die Maßnahmen?
  • Ist ein NEF auf der Anfahrt und/oder zeitnah eintreffend?
  • Ordnet man sich unter und ein anderer Notfallsanitäter/Notfallsanitäterin ergreift die Maßnahme?
  • Ist ein/eine Praktikant*in oder Notfallsanitäterschüler*in dabei und man leitet diese durch die Maßnahme?
  • Ist der/die Patient*in in einem kritischen Zustand?
  • Wie definiert der/die Notsan überhaupt Kritisch, und
  • ist überhaupt eine invasive Maßnahme nötig, also besteht überhaupt eine Indikation?
  • Was geben einem die Länder bzw. die ÄLRD frei?
  • Regionale und geographische Unterschiede (Bevölkerungsdichte, Fläche, Stadt/Land)?

Nach der Zwischenbilanz fand ein reger Austausch zwischen mir und Kollegen aus ganz Deutschland statt. Während die einen sich in meiner Statistik wiederfanden, so waren andere überrascht, dass ich scheinbar so „wenig“ mache und sie doch viel mehr. Diesen Kollegen legte ich nahe, ebenfalls eine Statistik zu erstellen. Siehe da, die ersten Ergebnisse unterscheiden sich auch hier nur wenig von meinen. Letztendlich kann man dies nur greifbar machen, wenn man Maßnahmen dokumentiert und eine Liste erstellt. Was ich jedem Notsan nur empfehlen kann. Ich denke, dass sich viele wundern werden, wie viel oder wenig man letztendlich doch macht.

Wie gehen wir in Zukunft dieses Problem an ?

Zum einen stehe ich nach wie vor hinter meiner Aussage, dass 30 Std- Fortbildungen zum einen zeitlich deutlich zu wenig sind und zum anderen qualitativ meist doch eher auf niedrigem Niveau stattfinden. Dies muss deutlich verbessert werden und ein viel höheres Qualitäts- und Wissensniveau erreichen. Eine patientenorientierte Versorgung muss im Fokus stehen und nicht Verhinderungsmedizin. Wenn der Notfallsanitäter Verantwortung übernehmen und Kompetenzen ausüben soll, muss dieser auch so aus- und fortgebildet werden. Kosten hierfür müssen von Arbeitgebern übernommen werden und das Personal dafür freigestellt. Auch die Ausbildung zum Notsan muss weiter optimiert werden. Persönliche Motivation und der intrinsische Antrieb sind aber das A und O. Notfallsanitäter*innen brauchen darüber hinaus eine sichere rechtliche Grundlage und selbst auch ein rechtliches Wissen über ihren Beruf. Dort besteht nach wie vor ein großes Defizit und es herrschen Mythen und Mysterien. Wenn der Notsan nach Kompetenzen ruft muss dieser auch bereit sein alles dafür notwendige zu tun. Vielleicht muss man dann auch mal im Dienst das ein oder andere dafür tun oder auch in seiner Freizeit Angebote wahr nehmen.

Und am Ende bleibt mein Fazit aus der Zwischenbilanz:

Bis auf einen i.v. Zugang legen und Vollelektrolytlösungen zu verabreichen mache ich eigentlich fast nichts eigenverantwortlich.

https://die-zwei-in-reflexstreifen.blog/2021/06/05/was-mache-ich-wirklich/

Quellen:

Statistik „Liste der durch Notfallsanitäter durchgeführten Maßnahmen 3.12.2020 bis 3.12.2021 Patrick Krieger

Abstimmungs- und Erörterungsprozess (Pyramidenprozess) „invasive Maßnahmen für Notfall-sanitäterinnen und -sanitäter“ – Bericht zu den bisherigen Sitzungen bis einschließlich 06.2.2014 Bundesverband Ärztlicher Leiter Rettungsdienst e.V.

Veröffentlicht von Patrick

Patrick ist in den Mittdreißigern und lebt in Bochum. Verheiratet, (noch) keine Kinder aber eine süße Hundedame. Jede Menge Liebe und Leidenschaft für CRM/TRM, Rettungsdienst und Notfallmedizin und natürlich hochmotiviert in Sachen Ausbildung.

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