jetzt gibt’s was auf die Kauleiste

Aggression und Gewalt im Rettungsdienst Teil 1

Der Rettungsdienst kommt häufig in Situationen in denen er mit Gewalt und Aggressionen konfrontiert wird. Sei es nach Auseinandersetzungen zweier oder mehrerer Parteien in einer Diskothek, häusliche Gewalt zwischen Eheleuten oder auch Misshandlungen. Es erweckt auch den Anschein, dass es vermehrt zu Angriffen auf Rettungskräfte kommt. So sind die möglichen Szenarien vielfältig. 78 % der in Deutschland im Gesundheitswesen Tätigen berichten, schon einmal verbal angegriffen worden zu sein. Mindestens 28% berichten einmal im Monat massiver Gewalt durch Patienten oder Angehörigen ausgesetzt zu sein. Aber was genau ist Gewalt, wie entsteht sie und was können wir dazu beitragen, dass Situationen nicht eskalieren? Dieser Artikel wird nicht beschreiben wie doof und bedrohlich betrunkene Personen sind oder wie welche Kampfsportart die beste ist um sich zur Wehr zu setzen. Wir wollen uns damit auseinander setzen, wie Aggressionen entstehen und wie eine Einsatzkraft schon vor dem ersten Wortwechsel viel zur Deeskalation beitragen kann

Was sind Aggressionen?

Aggression definiert den Willen bzw. das Ziel, einer anderen Person physischen oder psychischen Schaden oder Schmerz zuzuführen. Dies geschieht dann durch eine eigene Handlung. Prinzipiell lassen sich die Ursachen von Aggressionen (unabhängig der Intention) in zwei Kategorien unterteilen:

Beispiele für Ursachen von Aggressionen

Im weiteren kann man Aggressionen weiter in verschiedenen Kontexten unterscheiden.

  • Autoaggression, gegen die eigene Person gerichtet, selbstverletzend
  • Appetitive Aggression, geplant und zielgerichtet und jemandem Schaden zuzufügen um dabei eine positive Erregung zu verspüren
  • Erleichternde Aggression, gegen eine andere Person gerichtet mit dem Ziel den aversiven Zustand des Täters zu reduzieren
  • Heiße Aggression, Eskalation mit Wutausbruch (Herzfrequenz erhöht, Schreie, Muskeln angespannt, Selbstbeherrschung beeinträchtigt)
  • Indirekte Aggression, Aufgrund innerer Hemmung oder äußerer Hindernisse kein physischer Angriff, sondern Schädigungen wie Mobbing, Lästern oder Diebstahl
  • Kalte Aggression, zielgesteuert und rational (Emotionen werden abgespalten)
  • Offene Aggression, physisch und verbale Angriffe auf Opfer
  • Physische Aggression, Schläge, Tritte oder Missbrauch gegen die Unversehrtheit des Opfers oder Schäden an Objekte (Vandalismus)
  • Verdeckte Aggression (phantasiert)

Man kann also festhalten, dass Aggressionen zum einen aus puren Emotionen (Wut, Hass) entstehen können und zum anderen aus der Intention ein gewisses Ziel oder einen Vorteil zu erreichen.

Aus der Evolution heraus besitzen Menschen eine angeborene Tendenz zu Aggressionen. Als ein Produkt aus sozialen und kulturellen Hintergründen entwickelt jeder Mensch ein individuelles Verständnis und Verhaltensmuster. So kommt es auch zu Prägungen innerhalb einer Kultur und zwischen verschiedener Kulturen. Dies verdeutlicht, dass instinktives Aggressionsverhalten durch soziale und situative Begebenheiten moduliert wird.

Was geschieht im Kopf?

Eine ganz genaue Lokalisation einer Hirnstruktur kann aufgrund der großen Diversität an aggressiven Verhalten nicht möglich. Auch wenn eine haargenau Lokalisation nicht möglich ist so gibt es zentrale Strukturen die an der Entstehung von Aggressionen beteiligt sind. Eine wichtige Rolle spielt hierbei der Hypothalamus, der von weiteren Strukturen beeinflusst wird (z.B. die Amygdala). Es ist erwiesen, dass Läsionen im Bereich der Amygdala bei sonst sanften Personen zu extremen Aggressionen führen kann. Ein bestrafender Erziehungsstil kann zu einer geringen Ausbildung dieser Hirntruktur führen und begünstigt dadurch die Wahrscheinlichkeit für ein psychopathisches oder aggressives Verhalten. Neben den beiden genannten Strukturen (Hypothalamus und Amygdala) kann auch der Präfrontalkortex mit Aggressionen in Verbindung gebracht werden. Läsionen in diesem Bereich können einen Risikoanstieg für instrumentelle Aggressionen führen. Die Funktion des Präfrontalkortex beschreibt unter anderem die Fähigkeit Empathie zu entwickeln. Eine entscheidende Fähigkeit. Oft verspüren Personen, mit einem gestörten Präfrontalkortex, keine Reue, Schuldgefühle für aggressive Taten und können sich weder motorisch noch psychisch in die Lage ihrer Opfer hinein versetzen.

Auch chemisch passiert eine ganze Menge!

Der Neurotransmitter Serotonin und das Hormon Testosteron besitzen eine wichtige Funktion.

  • Serotonin dienst als Neurotransmitter zur Hemmung aggressivens Verhalten
  • Testosteron wird in erhöhter Konzentration mit erhöhter Aggressivität in Verbindung gebracht

Wird die Amygdala stimuliert, der Serotoninspiegel nimmt ab und es wird vermehrt Testosteron ausgeschüttet kann dies zu aggressiven Verhalten führen. So wird auch der Abfall von Serotonin–Bindungstellungen und die damit ausgelöste Reduktion der synaptischen Aktivierung eine aggressives, impulsives aber auch suizidales Verhalten begünstigen. Alkohol, Benzodiazepine und andere Substanzen die an GABA-Rezeptoren binden können die Hemmschwelle für aggressives Verhalten senken.

Last but not least ist es schon prä- und postnatal möglich, dass in diesen Phasen der Entwicklung ein Ausbleiben von Androgenen zu einer reduzierten Ausbildung von, für die Aggressionsverhalten relevanten, neuronalen Verbindungen führt. Das in der Pubertät sich entwickelnde Testosteron verliert so seine aggressionsfördernde Wirkung, wenn pränatal keine ausreichende Wirkung der Antrogene auf das Gehirn festgestellt wurden.

Allgemein ist jedoch zu vermuten, dass Männer aufgrund ihres höheren Testosteronspiegels aggressiver als die meisten Frauen sind. Östrogene können, falls im Hypothalamus vorhanden, Aggressionen eher hemmen. Während Männer eher zu offener und physischer Gewalt neigen, bedienen sich Frauen eher verdeckter oder psychischer Gewalt.

Mit all diesem Wissen lässt sich feststellen, dass jeder Mensch individuell geprägt ist. Jeder einzelne verfügt über ein eigenes, zum Teil angeborenes und zum anderen Teil erlerntes, Aggressionsverhalten.

Neben diesen biologischen und sozialen Faktoren spiele einzelne Situationen, in denen sich Personen befinden eine wichtige Rolle. Diese Situationen sind vielfältig. Von Schmerz über Unwohlsein, Ablehnung oder das nicht-erreichen seiner Ziele.

Es gibt einige Hypothesen die beschreiben, wie Aggressionen ausgelöst werden. Eine Hypothese beschreibt, dass auf Frustration ein aggressives Verhalten folgt ( Dollard und Miller). Die Intensität dieser Aggression hängt dabei ab

  1. Grad der Neigung zur Frustrationsreaktion
  2. Grad der Behinderung einer Reaktion
  3. Zahl der frustrierenden Reaktion
  4. Zahl gelöschter nicht aggressiver Reaktionen

Diese Hypothese wurde überarbeitet. Nicht jede Frustration muss in einem aggressiven Verhalten enden.

 Auf eine Frustration folgt nicht notwendigerweise eine Aggression, und Aggressionen sind nicht in jedem Fall Resultate von Frustrationen (Frustrationstoleranz), so dass Miller die Hypothese schon zwei Jahre später weiterentwickelte: Jede Frustration stelle zwar einen Anreiz für eine Aggression dar, manche Frustration sei aber zu leicht, um aggressives Verhalten auszulösen.

John Dollard et al. (1939): Frustration and Aggression. New Haven, CT: Yale University Press

Vereinfacht gesagt bedeutet das, nicht alles was einen frustriert reicht aus um uns zu einem aggressiven Verhalten zu bewegen. Es gibt zu dieser Thematik noch andere Hypothesen. Zwischen ihnen herrschen jedoch Kontroversen. Während auf der einen Seite Aggressionen, Regressionen und Fixierung als Frustrationsfolgen im Vordergrund stehen, sind auf der anderen Seite lerntheoretische, entwicklungsgeprägte Inhalte prägend. Auch die Zuschreiben von Kausalität spielt eine entscheidende Rolle.

Eingangs zwar erwähnt, dass wir wenig alkoholisierte Personen in den Fokus rücken wollen, hat Alkohol dennoch spezifische Auswirkungen und muss kurz beleuchtet werden.

  • Alkohol stört den Einfluss auf menschliche Informationsverarbeitungsprozesse
  • Daraus resultiert eine veränderte/reduzierte Aufmerksamkeit- und Wahrnehmungsleistung
  • Menschen die nüchtern nicht zu Gewalt neigen können unter Alkohol aggressives Verhalten entwickeln
  • Wahrscheinlich durch dämpfende Wirkung auf den präfrontalen Kortex der für die emotionale Bewertung und Impulskontrolle verantwortlich ist

Alkohol ist mit Sicherheit die Substanz, mit der wir im Rettungsdienst und auch im Polizeidienst am meisten in Kontakt geraten. Der Genuss ist gesellschaftlich anerkannt. Alkohol ist einfach und Rund um die Uhr verfügbar und nicht zuletzt auch Billig.

Die Entstehung von Aggressionen ist ein komplexes Thema. So individuell geprägt jeder Mensch ist, so vielseitig sind die Einsätze und die damit in Verbindung stehenden Personen und Patienten.

Wenn der Rettungsdienst eine Einsatzstelle betritt, Kontakt mit Patienten, Angehörigen und anderen Dritten aufnimmt muss man sich bewusst sein, dass

  • alle Beteiligten sich in einer nicht alltäglichen Situation befinden
  • jeder Beteiligte die Situation individuell bewertet
  • daraus eine ganz individuelle emotionale Belastung eines jeden Einzelnen vorliegt
  • oft auslösende Faktoren immer noch bestehen (Aggressoren, Angst, Sorgen u.ä.)
  • jeder Beteiligte eigene Ziele, Vorstellungen und Erwartungen hat

Noch vor der ersten Kontaktaufnahme können aggressive Hinweisreize ein Personen triggern. Gemeint sind damit Reize, die mit Ärger oder Aggressionen assoziiert werden.

Durch diese Auswahl an Beispielen können sich Personen schon Erregt fühlen noch bevor das erste Wort gesprochen wurde. Doch nicht nur das bloße Vorhanden sein eines, z.B., Reizgasspray`s sondern auch die damit verbundene Körperhaltung und Gestik damit kann als bedrohlich empfunden werden. Habe ich die Hand permanent am Spray, signalisiert dies auch die Bereitschaft dieses einzusetzen. An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass ein Reizgasspray, Kabelbinder oder Handschellen und andere Waffen nichts am Gürtel eines Rettungsdienstmitarbeiter zu suchen haben.

Sollte man sich ungern von seiner Taschenlampe trennen können, so ist zumindest darauf zu achten, dass sie im Idealfall erst zum Gebrauch sichtbar wird. All diese Objekte und damit Hinweisreize dürfen auch nie zur Machtdemonstration missbraucht werden. Gerade in potenziellen Gefährdungslagen werden Taschenlampen oder taktische Messer von Personen als Bedrohung gesehen und signalisieren schon vor- und während der Interaktion eine gewisse Gewaltbereitschaft und verleiten evtl. unnötig zu Gewalthandlungen.

Die Aufgaben des Rettungsdienst sind vielfältig und nicht immer klar definiert oder abgrenzbar aber wir sind nicht die Polizei. Wir lösen keine Schlägereien auf, wir lösen keine Kriminalfälle, wir sind keine gewaltausübende Einheit. Wir sind die Guten, wir sind die die dafür da sind zu Helfen. Natürlich wird es Situationen geben in denen man uns Übel mitspielt aber diese wenigen wirklichen Situation dürfen sich nicht auf unsere tägliche Arbeit projizieren und sie negativ beeinflussen.

Im zweiten Teil widmen wir uns der Prävention, Formen der Gewalt und dem Konfliktmanagement und Umgang mit Gewalt.

Quellen:

Taktische Eigensicherung im Rettungsdienst, S&K Verlag

https://www.oberbergkliniken.de/symptome/aggressionen

Psychologie und Kommunikation für Notfallsanitäter, Luhri Verlag

Dollard, J., Doob, L.W., Miller, N., Mowrer, O.H. & Sears, R.R. (1939). Frustration and aggression. New Haven: Yale University Press.

Veröffentlicht von Patrick

Patrick ist in den Mittdreißigern und lebt in Bochum. Verheiratet, (noch) keine Kinder aber eine süße Hundedame. Jede Menge Liebe und Leidenschaft für CRM/TRM, Rettungsdienst und Notfallmedizin und natürlich hochmotiviert in Sachen Ausbildung.

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